Karate und seine Entstehungsgeschichte

Patrick MüskerKarate Mastery0 Comments

Der Ursprung

Die Kampfkunst Karate, wie wir sie heute kennen, wird auch modernes Karate genannt. Obwohl sie sich im Laufe der Jahrhunderte auf der Insel Okinawa entwickelte, liegt ihr Ursprung aus historischer Sicht doch nicht in Japan. In Folge des Kulturaustausches mit China gelangte das chinesische Kung-Fu, vorwiegend durch Chinesen der Oberschicht überliefert, auf die Insel Okinawa. Die verschiedenen Formen und Stile des Kung-Fu wurden zu der Zeit mit dem Sammelbegriff „Kempo“ bezeichnet, was mit „Faustlehre“ oder „Fausttechniken“ zu übersetzen ist. „Kempo“ ist in diesem Fall die japanische Aussprache der chinesischen Schriftzeichen Quanfa 拳法.

Der historische Beginn des japanischen Karate beginnt im Zeitraum zwischen 1733 und 1815. Der auf Okinawa lebende Sakugawa war ein Schüler und Überlieferer des To-de 唐手. Diese Kampfkunst hatte er ebenfalls in China erlernt und bei seiner Rückkehr überliefert. Das erste Schriftzeichen „to“ besitzt im Japanischen die alternative Leseart „kara“. Allerdings stand das Zeichen „kara“ anfangs noch nicht für die heute uns bekannte Bedeutung, sondern für die Herkunft dieser Kampfkunst. Ihre Entstehung wird zeitlich auf die chinesische Tang-Dynastie Chinas 唐代 (Chinesisch tangdai; 618 – 907) datiert. Folglich stand die Tang-Dynastie für das Land China als Herkunftsort. Das zweite Zeichen „de“ oder „te“ 手 bedeutet Hand/Hände. Somit ist die Kampfkunst und chinesische Ursprungsform des Karate mit „die Kunst der Hände aus China“ zu übersetzen.

Kara-Te wird zu Karate

Im Jahr 1906 schließlich entschied sich Karatemeister Chomo Hanagi die traditionelle Schreibweise abzuändern. Er tauschte das erste Zeichen 唐 („kara“ im Japanischen, „tang“ im Chinesischen) durch das Zeichen 空  aus, das in der japanischen Sprache ebenfalls „kara“ gelesen wird. Seine Bedeutung heißt allerdings „leer“. 1936 diskutierten die großen Karatemeister Okinawas Yabu, Kiyamu, Hanagi, Motobu und Miyagi das Tang-Symbol tiefgehender und entschieden sich gemeinsam für die Schreibweise „kara“, das die „Leere“ beschreibt.

Die Begründung dafür war, dass die „Leere“ auch in der Zen-Philosophie eine große Rolle spielt. Außerdem galt das Karate seiner Zeit für soweit selbstständig entwickelt, dass es als japanische Kriegskunst bezeichnet werden durfte. Die alte Schreibweise, die auf China als Herkunftsort verwies, war damit nicht mehr gültig. Heute übersetzen viele Karate-Do auch mit den Worten „Der Weg (Do) der leeren Hand“, was den vorzugsweise waffenlosen Kampf beschreibt. Die Kampfkunst unter Verwendung von Waffen wie Tonfa, Bo und anderen wird Kobudo genannt.

Die vier großen Karatestilarten

1922 ging Gichin Funakoshi nach Japan, um eine Karatevorführung zu geben. Die japanischen Kriegskünste waren zu jener Zeit sehr populär und auch die Kampfkunst Judo erfreute sich großer Beliebtheit. Nach der Vorführung blieb Funakoshi auf vielfältigen Wunsch in Japan und fing an, Karate zu unterrichten. Weitere Großmeister Okinawas folgten und stellten „ihr“ Karate vor, womit verschiedene Stilarten entstanden. Die vier größten Karatestilarten sind Shito-Ryu, Goju-Ryu, Wado-Ryu und Shotokan.  Kenwa Mabuni führte das Shito-Ryu ein, das eine Kombination aus den zwei Stilen Shorin-Ryu und Shorei-Ryu darstellt. Goju-Ryu lässt in seinen Techniken am deutlichsten den Ursprung im chinesischen Boxen erkennen. 1930 begründete Chojun Miyagi diesen Stil. Hironori Ohtsuka kombinierte den bei Funakoshi gelernten Karatestil mit Ausweichbewegungen aus dem Jujutsu. Des Weiteren entwickelte er Bewegungen, die körperfreundlicher sein sollten. Gichin Funakoshi ist der Begründer des Shotokan-Stils und Vater des modernen Karate.

Die drei Säulen des Trainings

In den 1930er Jahren bestand das Training des Shotkan-Karate unter Gichin Funakoshi hauptsächlich aus Kata. Kata bedeutet im Japanischen Form und ist eine stilisierte Art eines Kampfes gegen mehrere imaginäre Gegner. Sie dient in erster Linie der Technikschulung und ist eine Methode, die die Künste von Generation zu Generation überliefert. Sie ist geeignet, die Beherrschung der Technik und Aspekte der inneren Haltung zu schulen: Atmung, Ruhe, Gelassenheit, Sicherheit, Entschlusskraft, Kampfgeist und Rhythmus. Jede Kata läuft nach einem bestimmten Schrittdiagramm ab. Sie beginnt und endet an demselben Punkt. Des Weiteren beginnt jede Kata mit einer Abwehrtechnik, was den defensiven Charakter dieser Kampfkunst betont. Denn Karate dient nicht dem Angriff, sondern folgt dem Ziel, den Charakter des Ausübenden zu vervollkommnen.

Damit werden Sieg und Niederlage bedeutungslos. Außerdem muss jede Technik und Bewegung der Kata in ihrer Bedeutung klar verstanden sein. Damit folgt der anfangs bewussten eine unbewusste Ausführung. Erst später folgten die zwei anderen Säulen Kihon (grundschulmäßige, exakte Techniken) und Kumite (Kampf). Die damit verbundenen Partnerübungen entwickelte Funakoshi auf Anraten des Judo-Begründers Jigoro Kano. Im Laufe der Zeit entstand damit allerdings auch ein Wettkampfcharakter, was eigentlich nicht den Vorstellungen Funakoshis entsprach. Ihm zufolge würde der Geist der Kampfkunst auf diese Weise verlorengehen. 1957 schließlich fanden die ersten Freikampfmeisterschaften statt.

Kata als Essenz des Karate

Viele Karatemeister sehen im Wettkampfsport eine Gefahr für das Karate. Mit dem Streben in Wettkämpfen gewinnen zu wollen, geht das eigentliche Wesen des Karate verloren. Anders als es die westliche Leistungsgesellschaft verlangt, dient die Kampfkunst nicht der Produktion messbarer Leistungen. Die Übung ist nach innen gerichtet und zielt auf die Vervollkommnung der eigenen Persönlichkeit. Diese Auffassung lässt sich ohne Kata nicht verwirklichen und wird deshalb von vielen Meistern als Kernstück des Karate angesehen. Denn jeder der Kumite trainiert, um andere im Wettkampf zu besiegen, geht den leichteren Weg. Die wahre und viel wertvollere Herausforderung liegt darin, sich selbst zu besiegen.

„Karate-Do ist das richtige Verständnis und der richtige Gebrauch von Karate“ – Gichin Funakoshi

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